Wann sich hier die ersten Menschen niederließen, verrät keine Urkunde. Doch Funde im Boden, eine Abschrift aus dem Jahr 1022 und die vielen Schreibweisen des Dorfnamens erzählen eine Menge.
Spuren aus der Steinzeit
Schon in der Steinzeit durchstreiften Jäger und Sammler die Wälder der Gegend. Ein Landwirt fand auf seinem Feld „Am Pfingstanger“ an der Bruchriede einen durchbohrten Steinhammer aus der Jungsteinzeit. Die Bruchriede floss damals noch in Schleifen durch die Niederung, bevor sie viel später in ein gerades Bett gezwungen wurde.
Sesshaft wurden die Menschen erst später. Sie rodeten Wald und legten Äcker an. Vielleicht um das Jahr 500 siedelten sich die ersten Sippen an – dort, wo es Wasser gab: unterhalb des Missenstiegs entspringen Quellen, die im Sommer wie im Winter laufen. Eine davon ist die heutige Steinbruchquelle.
Auch spätere Zeiten haben Spuren hinterlassen: In der Feldmark und auf einem Grundstück im Dorf kamen ein Säbel aus der Zeit der Napoleonischen Kriege und die Reste einer französischen Militärtrompete aus Paris zum Vorschein.

1022: Die erste Erwähnung
Im Jahr 1022 wird in Hildesheim die Michaeliskirche geweiht. Bischof Bernward, der bedeutendste Bischof in der Geschichte des Bistums, lässt am 1. November 1022, kurz vor seinem Tod, aufschreiben, dass er das Michaeliskloster gestiftet und reich mit Besitz ausgestattet hat. Unter den Dörfern im Gebiet Ostfalen steht auch Wirringen.
… item in pago Astfalo: Osleuehem, Hottenhem, Hesithe, Lutea villa, Wiringe, Biscopesroth, Throte …
Aus der Urkunde Bischof Bernwards vom 1. November 1022 (Auszug). Gemeint sind Oesselse, Hotteln, Heisede, Himmelsthür, Wirringen, Bisperode und Ruthe.
Wenige Tage später nimmt Kaiser Heinrich II. das Kloster und seine Güter unter seinen Schutz. In dieser zweiten Urkunde heißt das Dorf „Wiringi“. Bernward stirbt am 20. November 1022.
Echt oder gefälscht?
Beide Urkunden gelten als zweifelhaft. Vermutlich wurden sie im 12. Jahrhundert neu geschrieben. Die Fachleute sind sich aber einig, dass sie sich auf echte Güterverzeichnisse aus Bernwards Lebzeiten stützen. Wirringen darf sich also zu Recht auf das Jahr 1022 berufen.
Das Original ging im Oktober 1943 im Krieg verloren. Eine Abschrift steht im „Urkundenbuch des Hochstiftes Hildesheim“ von 1896 (Nr. 67 bis 69).
Von Wiringe zu Wirringen
Die Schreiber früherer Jahrhunderte schrieben einen Ortsnamen so, wie sie ihn hörten. Deshalb taucht Wirringen in den Akten in vielen Formen auf:
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1022
Wiringe und Wiringi
„Wiringe“ in der Urkunde Bischof Bernwards, „Wiringi“ in der Schutzurkunde Kaiser Heinrichs II. aus demselben Jahr.
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12. Jh.
Huiringe
So steht das Dorf Ende des 12. Jahrhunderts im Güterverzeichnis der „Obedienz Ludengers“, einem Hildesheimer Verzeichnis von Abgaben.
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1537
Wiringen
Im „Register über den 16. Pfennig“, einer Steuerliste, schreibt man den Namen schon fast wie heute – nur mit einem r.
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1588
Wirringen
Zum ersten Mal mit doppeltem r, in den Akten der großen Kirchenvisitation.
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1593
Wiring
Das Erbregister der Ämter Ruthe und Koldingen kürzt den Namen wieder: „Noch eine Windmühle für Wiring“.
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1758
Wirringen
Ab dem Kopfsteuerregister von 1758 steht in den Überschriften nur noch „Wirringen“. Dabei ist es geblieben.
Was bedeutet der Name?
Sicher weiß es niemand. Drei Deutungen werden genannt:
Die Sippe des Wiro
Die Endung „-ingen“ bezeichnet eine Sippensiedlung. Wirringen wäre demnach die Siedlung der Leute eines Ahnherrn namens Wiro. So deutet es der Heimatforscher August Söding.
Der gewundene Bach
„Wiri“ bedeutet so viel wie drehen oder biegen, wie bei einem Draht. Gemeint sein könnte ein Bach, der sich durch eine feuchte Niederung windet – etwa die Bruchriede vor ihrer Begradigung.
Die Biegung am Hügel
Ebenso denkbar ist eine Siedlung an der Biegung eines Hügels. Dann käme der Missenstieg in Frage, im Volksmund „Roter Berg“, aus dem die Quelle entspringt. In alten Urkunden tauchen übrigens Personen wie „Heinricus de Wirinche“ oder „Hans Wyringhe“ (1489) auf. Ob sie wirklich aus Wirringen stammten, ist offen.
Wer hatte das Sagen?
Wirringen lag an der Grenze zwischen dem Herrschaftsgebiet der Hildesheimer Bischöfe und dem der welfischen Herzöge. Entsprechend oft wechselten die Landesherren. Für die Bauern blieb vieles gleich: Ihr Land gehörte Grundherren, denen sie Abgaben schuldeten – Klöstern in Hildesheim, dem Domkapitel und Adelsfamilien wie den Herren von Rutenberg.
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1022
Gau Ostfalen, Besitz des Michaelisklosters
Das Dorf gehört zum „pagus Astfala“. Das Michaeliskloster in Hildesheim hat hier Grund und Boden – vermutlich aus dem Privatbesitz Bischof Bernwards.
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Mittelalter
Hochstift Hildesheim, Amt Ruthe
Wirringen gehört zum weltlichen Herrschaftsgebiet der Hildesheimer Bischöfe und zum Amt Ruthe. Recht gesprochen wird im Gericht „Go Hassel“, zu dem auch Wirringen zählt.
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1523
Fürstentum Calenberg
Nach der Hildesheimer Stiftsfehde (1519–1523) fällt das Amt Ruthe an die Welfen. Verwaltet wird es zusammen mit Koldingen als Amt Lauenburg. In dieser Zeit wird Wirringen lutherisch (1542).
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1643
Zurück zum Hochstift
Mit dem Braunschweiger Rezess kommt das Amt Ruthe wieder an das Hochstift Hildesheim. Das Dorf bleibt evangelisch.
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1802
Preußen und Westphalen
1802 besetzt Preußen das Hochstift. Von 1807 bis 1813 gehört Wirringen zum Königreich Westphalen, zuerst zum Kanton Groß Algermissen, später zum Kanton Sarstedt.
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1815
Königreich Hannover
Wirringen kommt wieder zum Amt Ruthe, nun im Königreich Hannover. 1859 wird das Amt Ruthe aufgelöst und dem Amt Hildesheim zugeschlagen.
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1866
Wieder preußisch
Nach dem Krieg von 1866 wird Hannover preußische Provinz. Wirringen gehört später zum Landkreis Hildesheim, ab 1946 zum Landkreis Hildesheim-Marienburg – als kleinstes Dorf im Altkreis Hildesheim-Land.
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1974
Ortsteil von Sehnde
Mit der Gebietsreform wird Wirringen gemeinsam mit 14 weiteren Orten zur Gemeinde Sehnde zusammengeschlossen, die seit 1997 Stadt ist. Das Dorf wechselt in den Landkreis Hannover, heute Region Hannover.
Nachbarn über die Kreisgrenze hinweg
Müllingen gehörte über Jahrhunderte zum Amt Koldingen und später zum Landkreis Hannover, Wirringen zum Hildesheimer Land. Zwischen den beiden Dörfern verlief deshalb bis 1974 eine Kreisgrenze. Zusammengearbeitet wurde trotzdem: Schon 1893 gründeten Bauern aus beiden Orten gemeinsam die Molkerei. Seit der Gebietsreform 1974 gehören Müllingen und Wirringen zum selben Landkreis und haben einen gemeinsamen Ortsrat. Heute teilen sie sich auch Kirchengemeinde und Feuerwehr.
Das Wappen
Am 2. Mai 1931 beschloss der Gemeindeausschuss einstimmig ein eigenes Wappen. Den Entwurf lieferte Otto Bruhns. Es zeigt den Erzengel Michael in Gold auf rotem Schild, wie er mit der Lanze den Drachen zu seinen Füßen bezwingt.
Die Wahl war kein Zufall: Der heilige Michael ist der Schutzpatron des Hildesheimer Michaelisklosters, mit dem Wirringen seit der Urkunde von 1022 verbunden ist. Auch die Dorfkirche trägt seinen Namen.

Im Buch weiterlesen: Kapitel 1 und 2, S. 9–22 (PDF, 78 MB). Weitere Quellen: Facharbeit von Lara-Antonia Beer (2007), Kirchengemeindelexikon der Landeskirche Hannovers.



