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Dorfchronik · Kapitel 3 von 7

Bauern und Höfe

Wer verstehen will, wie Wirringen gewachsen ist, muss auf seine Höfe schauen. Viele lassen sich über 400 Jahre zurückverfolgen – manche blieben über Generationen in derselben Familie.

Meier, Kötner, Brinksitzer

Bis ins 19. Jahrhundert gehörte der Boden meist nicht den Bauern selbst, sondern Grundherren: Klöstern und Stiften in Hildesheim, der Kirche oder Adelsfamilien. Die Bauern waren „Meier“. Sie bekamen einen Hof samt Land per Vertrag, dem Meierbrief, und zahlten dafür jedes Jahr den Meierzins – in Geld, Korn, Hühnern, Eiern und Diensten. Wer seinen Hof schlecht führte oder nicht zahlte, konnte „abgemeiert“ werden. Erst im 19. Jahrhundert lösten die Bauern diese Lasten ab und wurden Eigentümer.

Vollspänner

Auch Vollmeier oder Ackerleute: die großen Höfe mit meist rund vier Hufen Land. Sie mussten Spanndienste mit vier Pferden leisten. In Wirringen waren das die Höfe Nr. 10 und 19.

Halbspänner

Halbmeier mit etwa halb so viel Land, in Wirringen die Höfe Nr. 16 und 20.

Kötner

Voll-, Halb- und Viertelkötner hatten kleinere Höfe mit Lehnsland. Auch sie waren dem Grundherrn zu Diensten und zum Zehnten verpflichtet.

Brinksitzer und Anbauer

Die Kleinsten: kaum Land, meist Handwerker oder Tagelöhner auf den großen Höfen, auf einen Nebenverdienst angewiesen.

Gemessen wurde in Hufen und Morgen: Eine Hufe hatte 30 Morgen, ein Morgen war ungefähr ein Viertel Hektar.

  • 15931 Ackerhof, 3 Halbmeier, 17 Köter, dazu 7 Brinksitzer und 4 Häuslinge
  • 17692 Vollspänner, 2 Halbspänner, 13 Voll- und Halbkötner, 1 Brinksitzer
  • 189420 Höfe in der Hannoverschen Höferolle
  • 1945noch 13 landwirtschaftliche Betriebe
  • 20222 Betriebe und einer in Lohnvergabe

Ein Hof im Jahr 1593

Das Erbregister der Ämter Ruthe und Koldingen beschreibt 1593 jeden Wirringer Hof auf insgesamt 15 Seiten. So liest sich der Eintrag für den Hof Nr. 10, den einzigen „Ackerleute“-Hof:

… der Hof kumpt denen von Rutenberge zu; hat von denselben fünf geringe Hufe Landes, zinset davon 30 Malter partim und ein Schock Eier … hat darauf gewohnt 23 Jahr, ist alt 48 Jahr, hält einen Knecht, hat 2 wehrhafte Söhne …

Erbregister der Ämter Ruthe und Koldingen 1593, Ausgabe von Hans Goedeke (1973), gekürzt

Auf Deutsch: Der Hof gehört den Herren von Rutenberg. Der Meier bewirtschaftet fünf Hufen ihres Landes und zahlt dafür 30 Malter Korn und ein Schock, also 60 Eier. Er lebt seit 23 Jahren auf dem Hof, ist 48 Jahre alt, hält einen Knecht und hat zwei Söhne, die Waffen tragen können. Über Wirringen selbst heißt es dort: „Dar ist keine Pfarre, gehört zu Lunde in die Kirchen.“

Hof Nr. 10 in Wirringen, 1961
Der Hof Nr. 10, 1593 der einzige „Ackerleute“-Hof im Dorf, im Jahr 1961.

Die Hofstellen

Die Hausnummern stammen aus der Zeit vor 1974, als es in Wirringen noch keine Straßennamen gab. Die Karten zeigen, seit wann ein Hof in den Akten belegt ist und was ihn ausmachte. Die vollständigen Besitzerfolgen mit allen Namen und Quellen stehen im Buch ab Seite 81.

Luftbild um 1954: Hof Nr. 11 mit den Nachbarhöfen
Luftbild um 1954: Hof Nr. 11 mit den Nachbarhöfen Nr. 10, 15, 15A und 16.

Hof Nr. 19

Vollspänner · ca. 60 ha

Erstmals belegt1585

Schon 1585 als „Ackerleute“-Hof genannt. 1664: 140 Morgen Meierland, 5 Pferde, 8 Kühe.

Mehr zu diesem Hof
  • Ein Gedenkstein von 1846 auf dem Kirchhof erinnert an den jungen Hoferben, der mit 14 Jahren verunglückte.
  • Auf der Hofwiese entstanden der Feuerlöschteich (1956) und die Siedlung Wiesenhof (1972); hier wurde 2002 das Dreifach-Fest gefeiert.

Hof Nr. 10

Vollspänner · 40 ha

Erstmals belegt1585

Im Erbregister 1593 der einzige „Ackerleute“-Hof. Um 1730 übernahm eine Familie aus Ruthe den Hof.

Mehr zu diesem Hof
  • 1664: 88 Morgen Meierland, 4 Pferde, 6 Kühe und 33 Schafe.
  • Eine Balkeninschrift erinnert an den Brand der Strohscheune und den Wiederaufbau 1848.
  • In der Gärtnerei nebenan war im Zweiten Weltkrieg ein Bunker in den Boden eingelassen.

Hof Nr. 20

Halbspänner · 33 ha

Erstmals belegt1537

Der Bauer von 1593 steht schon im Steuerregister von 1537 – im Erbregister ist er 81 Jahre alt.

Mehr zu diesem Hof
  • 1778 entstand ein neues niedersächsisches Bauernhaus; der Balken mit den Namen der Bauherren ist erhalten.
  • Um 1855 stiftete der Hof die alte Orgel der Kirche, die bis 1956 spielte.
  • Zum Hof gehörte das Land an der Steinbruchquelle.

Hof Nr. 16

Halbspänner · 25 ha

Erstmals belegt1585

Ab etwa 1630 blieb der Hof über viele Generationen in derselben Familie. Landwirtschaft bis 1958.

Mehr zu diesem Hof
  • Ein Hofbesitzer war 1902 der erste Hauptmann der Feuerwehr und von 1905 bis 1923 Gemeindevorsteher.
  • In einem Anbau der Scheune liefen die „Mühlenwerke Wirringen“ mit Dieselmotor – das Wohnhaus hatte so wohl als erstes im Dorf elektrisches Licht.
  • Haus und Ställe wurden 1880 bis 1882 neu gebaut. Die Strohscheune brannte 1927 ab und wurde 1928 genauso wieder aufgebaut.

Hof Nr. 3

Halbkötner · Gastwirtschaft

Erstmals belegt1585

Seit spätestens 1860/70 auch Gastwirtschaft – der spätere Gasthof mit Saal, Kegelbahn und Hotel.

Mehr zu diesem Hof
  • 1593 gehörte der Hof der Kirche zu Giesen.
  • Am 8. März 1934 brannten Stall und Dachstuhl, als ein neuer Schornstein ausprobiert wurde.

Hof Nr. 2

Halbkötner

Erstmals belegt1537

Der erste bekannte Besitzer steht 1537 im Steuerregister; seine Familie blieb über 130 Jahre auf dem Hof.

Mehr zu diesem Hof
  • 1907 brannte das Wohnhaus und wurde neu gebaut.
  • Später diente das Anwesen als Gästehaus des benachbarten Gasthofs.

Hof Nr. 5 und 5a

Kötner

Erstmals belegt1585

Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzten zwei Bauernhäuser das alte Haus: Nr. 5a mit dem Giebel zur Straße, Nr. 5 quer dahinter. Beide stehen noch.

Hof Nr. 6

Kötner · Tischlerei

Erstmals belegt1537

1593 gehörte der Hof der Wirringer Kirche; als Zins gab es unter anderem ein halbes Pfund Wachs. Seit 1925 ist hier eine Tischlerei belegt.

Mehr zu diesem Hof
  • 1786 entstand ein neues Wohnhaus, das bis zum Neubau um 1972 stand.
  • Seit 1970 ist hier eine Möbeltischlerei.

Hof Nr. 1a und 1b

Kötner

Erstmals belegt1585

Ursprünglich zwei Höfe, ab etwa 1630 eine Stelle. 1671 als „wüste Kötherei“ verzeichnet, von 1773 bis 1956 in der Hand einer Familie.

Hof Nr. 8

Pfarrkötnerhof

NutzungPfarre · Pfarrhaus von 1815 · Gasthaus Niedersachsen

Die Stelle des Pfarrhauses. Der Pastor hielt hier 1664 vier Kühe, drei Rinder, fünf Schweine und vier Schafe.

Mehr zu diesem Hof
  • 1769 wohnte im Pastorenhaus auch der Schulmeister.
  • 1908/10 wurde das Pfarrhaus von 1815 verkauft und zur Gastwirtschaft, später „Gasthaus Niedersachsen“ (bis 1979).
  • Im November 2021 wurde das über 200 Jahre alte Haus abgerissen.

Hof Nr. 4

Vollkötner

Erstmals belegt1585

Um 1730 kam eine Familie aus Müllingen auf den Hof; sie bewirtschaftete zeitweise die Höfe Nr. 4 und 11 zusammen. 1965 kaufte eine Flüchtlingsfamilie aus Ostpreußen die Hofstelle.

Nr. 14, 14a und 14b

Anbauer und Brinksitzer

Erstmals belegt1593

1648 wird hier ein „Krüger“, also Gastwirt, genannt. Um 1820/27 wurde die Stelle in drei kleine Höfe geteilt.

Mehr zu diesem Hof
  • Auf Nr. 14a stand eine Gastwirtschaft. Am 24. August 1905 brannte sie zusammen mit dem Wohnhaus Nr. 14b ab und wurde nicht wieder aufgebaut.
  • Auf Nr. 14b arbeiteten später ein Schneidermeister und ein Kaufmann mit seinem Laden.

Hof Nr. 15 und 15A

Kötner · Schlosser · Schuhmacher

Erstmals belegt1593

1593 gehörte der Hof der „Capellen zu Wirringen“ – einer der frühesten Belege für die Kapelle. Nach 1803 geteilt.

Mehr zu diesem Hof
  • Nr. 15: 1826 neues Wohnhaus, ab 1873 Schmiede und Schlosserei.
  • Nr. 15A: Schuhmacherei von 1895 bis 1970, zeitweise auch die Poststelle.
  • Hier wuchs der Schüler auf, der 1961/62 die erste Dorfchronik schrieb.

Hof Nr. 17

Vollkötner

Erstmals belegt1593

Über 300 Jahre lebte hier dieselbe Familie. Ab 1934 war der Hof als Erbhof in der Höferolle eingetragen.

Mehr zu diesem Hof
  • 1893 wurde ein Grundstück des Hofes für die Molkerei verkauft.
  • Am 4. September 1964 brannten Strohscheune und Stall in einem Großfeuer.

Hof Nr. 7

Halbkötner · Schmiede

Erstmals belegt1537

Der erste bekannte Besitzer steht schon 1537 im Steuerregister. Um 1900 entstand hier die Schmiede.

Hof Nr. 11

Kötner

Erstmals belegt1585

Hier steht der ehemalige Schafstall von 1732 – die Jahreszahl ist im Balken zu lesen. Er gilt als ältestes Gebäude im Dorf.

Mehr zu diesem Hof
  • 1648 und 1664 wohnte hier ein „Schafmeister“ mit 50 Schafen.
  • 1773 stand der Hof leer.

Hof Nr. 21

Kötner

Erstmals belegt1585

1593 zahlte der Hof seinen Zins an den Vogt in Ilten. Um 1900 wurde der Nachbarhof Nr. 22 eingegliedert. Landwirtschaft bis etwa 1998.

Hof Nr. 22

Kötner · nicht mehr vorhanden

Erstmals belegt1661

Im 17. Jahrhundert wird der Besitzer als „Krüger“, also Gastwirt, genannt, 1666 auch als Schmied. Um 1900 wurde der Hof abgebrochen.

Hof Nr. 18

Vollkötner

Erstmals belegt1585

1664 lebte hier ein Leineweber. Von 1769 bis 1925 blieb der Hof in einer Familie, dann ging er durch Heirat weiter.

Hof Nr. 9

Halbkötner

Erstmals belegt1585

1585 lebte hier ein Zimmermann.

Hof Nr. 12, 12A und 39

Kötner

Erstmals belegt1593

Im 18. Jahrhundert war die Hoferbin mehrmals verheiratet – jeder neue Ehemann übernahm den Hof. Später in drei Stellen geteilt.

Mehr zu diesem Hof
  • Auf Nr. 12 lebte ein Zimmermann, auf Nr. 12A ein Müller.
  • Auf Nr. 39 wohnte der Glöckner, der auch die Schule heizte.

Hof Nr. 25

Vollkötner

Erstmals belegt1773

Hier wohnte der langjährige Brandmeister der Feuerwehr (1934 bis 1965), der zugleich Standesbeamter war.

Hof Nr. 26 und 42

Halbkötner

Erstmals belegt1773

1859 entstand neben Nr. 26 eine neue Hofstelle, die Nr. 42. Nr. 26 brannte 1948 nach einem Blitzschlag und wurde neu aufgebaut.

Nr. 29

Brinksitzer

Erstmals belegt1845

Hier wohnte die Dorfschneiderin, die an der Dorfschule auch Handarbeit unterrichtete. Ihr Vater gehörte 1902 zu den Gründern der Feuerwehr.

Nr. 34

Anbauer · Bäckerei

Erstmals belegt1834

Bäckerei von etwa 1860 bis 1962. Das frühere Armenhaus der Gemeinde, Nr. 28, gehört heute zu diesem Grundstück. Erinnerungen aus der Backstube →

Nr. 37

Anbauer · Zimmermann

Erstmals belegtum 1860

Um 1860 neu gebaut. Der Zimmermeister von hier baute 1928 die abgebrannte Scheune von Hof Nr. 16 originalgetreu wieder auf.

Weitere Hausnummern

  • Nr. 13, 27a/b, 29a, 33, 35 und 36 entstanden zwischen 1827 und 1871 als kleine Anbauerstellen.
  • Nr. 30 bis 32 gehörten Windmüllern. 1848 standen diese Häuser schon nicht mehr.
  • Nr. 23 und 24 waren „wüste“ Stellen auf der Wiese im Dorf.
  • Nr. 28 war das Armenhaus der Gemeinde.

Jahreszahlen im Holz

Viele Bauherren ließen ihren Namen und das Baujahr in einen Balken schnitzen. Einige dieser Inschriften sind erhalten:

  • 1732Schafstall auf Hof Nr. 11 – das älteste Gebäude im Dorf
  • 1778Bauernhaus auf Hof Nr. 20, mit den Namen der Bauherren im Balken
  • 1786Wohnhaus auf Hof Nr. 6
  • 1815Pfarrhaus an der Wirringer Straße (Balkenfragment)
  • 1848Erinnerung an Brand und Wiederaufbau der Strohscheune auf Hof Nr. 10
  • 1928Wiederaufbau der Scheune auf Hof Nr. 16 nach dem Brand von 1927

Woher wir das wissen

Die Hofgeschichten beruhen auf Akten aus dem Niedersächsischen Landesarchiv in Pattensen, Kirchenbüchern, dem Stadtarchiv in Ilten und vielen Gesprächen mit Familien im Dorf. Den Grundstein legte der Genealoge Wolfgang Leonhardt; beim Übersetzen der alten Schriften half Klaus Kühne.

Alle Quellen der Hofgeschichten anzeigen
  • 1537Steuerregister über den 16. Pfennig
  • 1585Calenbergische Musterungsrolle – mit Alter und Bewaffnung der Männer
  • 1593 / 1620Erbregister der Ämter Ruthe und Koldingen
  • 1602Musterungsregister des Amtes Lauenburg
  • 1617–1647Scheffelschatz-Listen, Landbeschreibungen 1630 und 1633
  • 1645–1696Ländereien, Kopfsteuerlisten, Frenßisches Feldregister, Dorftaxbeschreibungen
  • 1730„Hauswirte waren Anno 1730“ aus dem Pfarrarchiv
  • 1758–1773Kopfsteuerregister, Episcopatus Hildesheim, Land- und Wiesenbeschreibung, Hebungsliste
  • 1803Verzeichnis der Hauswirte
  • 1845Liste der Seelenzahlen und Namensverzeichnis zur Verkoppelungskarte
  • 1858–1870Häusersteuerrolle und Grundsteuer-Mutterrolle
  • um 1900Verzeichnis der Hausnummern
  • 1925/26Adressbuch für den Landkreis Hildesheim
  • um 1955Hausnummernverzeichnis

Im Buch weiterlesen: Kapitel 4 „Höfe in Wirringen“, S. 72–147 (PDF, 78 MB) – mit allen Besitzerfolgen, Fotos und Luftbildern.