Urkunden erzählen von Höfen, Abgaben und Ämtern. Wie sich das Leben im Dorf angefühlt hat, wissen nur die Menschen, die dabei waren. Diese Erinnerungen stammen aus dem Buch und aus der Facharbeit von 2007.
1940er-Jahre
Bombenalarm und Einquartierung
August Borm, Jahrgang 1931, erlebte den Krieg als Kind. In den letzten Kriegsjahren gab es drei- bis viermal pro Woche Bombenalarm. Die Familie ging dann in den eigenen Luftschutzbunker und blieb manchmal vier bis fünf Stunden unten. Gezielt bombardiert wurde Wirringen nie – aber Bomben, die für Hannover oder Hildesheim bestimmt waren, trieb der Wind manchmal in die Feldmark. Eine schlug im Garten der Familie ein, beschädigte aber nur Dächer und Fenster.
„Man kann nicht sagen, dass wir bei Bombenalarm und Ähnlichem keine Angst mehr hatten, aber die Angst war zur Routine geworden.“
Einen Schock versetzten der Dorfgemeinschaft jedes Mal die Nachrichten von Gefallenen. Nach dem Krieg wurden Flüchtlinge und Ausgebombte auf die Häuser verteilt, auch bei Borms zog ein Ehepaar ein. Plötzlich mit Fremden unter einem Dach zu leben, brachte Spannungen. Mit der Zeit wurden aus Fremden aber Nachbarn und Freunde.
Nach einem Gespräch mit August Borm für die Facharbeit von Lara-Antonia Beer, 2007
1950er-Jahre
Um drei Uhr in der Backstube
Der Bäcker auf der Nr. 34 stand jeden Morgen um drei Uhr auf und heizte den Backofen mit gespaltenem Buchenholz an. Das Holz holte die Familie im Herbst aus dem Deister. Während der Ofen heiß wurde, rührte er den Teig an und formte Brote, Brötchen und Semmeln. War die Temperatur erreicht, kratzte er die Asche heraus und verteilte die Glut im Winter auf die Öfen im Haus. „Es war immer warm im ganzen Haus.“
Mit der Resthitze wurde Blechkuchen gebacken, auch für Dorfbewohner, die ihre eigenen Bleche brachten. Der Frankfurter Kranz der Bäckersfrau war im ganzen Dorf berühmt. Ausgeliefert wurde mit Fahrrad und Anhänger bis nach Wehmingen und Bolzum. Beim Schlachter in Wehmingen kostete ein Sechs-Pfund-Brot 2,16 D-Mark – bezahlt wurde mit Jagdwurst, die gleich auf der Bank vor dem Laden gegessen wurde. Über dem Backofen lag eine kleine, immer warme Kammer, in der die Kinder spielten und Hausaufgaben machten.
Erinnerungen von Karl-Friedrich Sennholz, aufgeschrieben im April 2022
1927
Als die Scheune brannte
Auf dem Hof Nr. 16 lief eine Getreidemühle mit Dieselmotor. Im November 1927 setzte Funkenflug die angebaute Strohscheune in Brand. Die Mutter von Reinhard Beer hat das als junges Mädchen miterlebt und später erzählt, wie groß ihre Angst war, dass auch das Wohnhaus abbrennen könnte: Die Fensterscheiben waren schon sehr heiß geworden. Die Feuerwehr hielt den Brand in Schach. Die Scheune brannte zwar ab, wurde aber 1928 von Maurermeister A. Block aus Hotteln und Zimmermeister August Schleth genauso wieder aufgebaut. Sie steht bis heute.
Erzählt von Reinhard Beer
1950er- bis 1970er-Jahre
Zwei Groschen für eine Stunde Fernsehen
Im Gasthof Hennies stand in den Fünfzigern ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher mit Münzkasten. Zwei Groschen kostete eine Stunde. Vom Taschengeld schaute man sonntagnachmittags „Fury“. Oben im Saal über den Ställen probten die Schulklassen Theaterstücke für das Dorf. Im dritten Schuljahr, 1962, musste Reinhard Beer einen Lebkuchenmann spielen, der in einem Schaufenster aufwacht.
Als Jugendliche saßen sie später in der hinteren Ecke unter dem Abluftventilator und warfen zum Spaß Bierdeckel hinein, die angesaugt wurden. Einmal kam der Wirt aus der Küche: Er verstehe gar nicht, warum heute die Luft nicht abziehe – die Currywürste verbrennen. Übel nahm er ihnen nichts. Gegen Mitternacht ging er ins Bett und bat nur, die Tür zuzumachen. In der ganzen Gegend kannte man ihn als „Hähnchen-Heinrich“, die Messegäste nannten ihn „Chicken Henry“.
Erzählt von Reinhard Beer
um 1960
Film ab in der Dorfschule
Ab und zu brachte eine Filmstelle einen Projektor in die Schule. In Erinnerung geblieben ist ein Film mit Hans Lothar: „Flug in Gefahr“. Eine viermotorige Super Constellation droht abzustürzen, weil die Piloten ohnmächtig geworden sind. Ein ehemaliger Hubschrauberpilot unter den Passagieren bringt die Maschine am Ende etwas holprig, aber heil auf die Landebahn. „An so etwas erinnert man sich gern.“
Erinnerung eines ehemaligen Schülers
vor 1956
Flachs am Feuerlöschteich
Wo heute der Feuerlöschteich liegt, war früher ein sumpfiges Gelände. Dort lagen die Flachsrotten: Gruben, in denen die Flachsstängel gewässert wurden, bis sich die Fasern lösten. Daraus wurde Leinen für Kleidung und Tischdecken gesponnen und gewebt. Vor dem Teich lag an dieser Stelle der Schulgarten. 1956 legte die Feuerwehr dort den Löschteich an.
Nach einem Bericht von Irmgard Hille für ein Landfrauentreffen, 1997
1956
Ein Brief an die Nachwelt
Pastor Werner Hoffheinz schrieb 1956 einen langen Bericht und legte ihn in die Turmkugel der Kirche: wer im Kirchenvorstand saß, wie viele Menschen im Dorf lebten, was Butter und Brot kosteten und wie es um das geteilte Deutschland stand. Er schließt mit Dank, dass die Kirche den Krieg überstanden hat, und mit einem Segen für die Gemeinde. 2014 wurde der Bericht wieder gelesen und abgetippt, damit er auch für spätere Generationen lesbar bleibt.
1961 bis 2004
Udos Wunsch
Als 16-jähriger Schüler schrieb Udo Hänies 1961/62 die erste Chronik seines Dorfes – von Hand und mit Bildern. Bis dahin gab es, so schrieb er im Vorwort, „keinerlei zusammenhängende schriftliche Aufzeichnungen“. Später saß er im Gemeinderat und war von 1986 bis 2004 Ortsbürgermeister. Für die 1000-Jahr-Feier hatte er einen Wunsch: wie einst sein Vater in einer Kutsche durchs Dorf zu fahren. Erleben konnte er das Jubiläum nicht mehr – Udo Hänies starb 2004.
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