Wirringen ist klein: etwa 700 Meter lang und an der breitesten Stelle 400 Meter breit. Ringsum liegen rund 240 Hektar Acker, deren Namen oft Jahrhunderte alt sind – und darunter Gestein, das 250 Millionen Jahre Erdgeschichte erzählt.
Ein Dorf rund um den Thie
Die ersten Höfe entstanden um den Thie, den alten Versammlungsplatz. Hier liegt bis heute die Mitte des Dorfes mit Kirche und Ehrendenkmal; rundherum lagen früher auch Pfarrhaus, Schule und Festplatz. Von dort zogen sich die Höfe an der Dorfstraße entlang – Wirringen ist ein Straßendorf. Um 1850 gab es 22 solcher Hofstellen in Reihe.
Auch die Höfe selbst haben sich verändert. Lange lebten Mensch und Vieh unter einem Dach im niederdeutschen Einhaus: hinten gewohnt, vorne Stall und Scheune. Ab etwa 1870 baute man Wohnhaus und Scheune getrennt, ab etwa 1910 entstanden Dreiseithöfe mit dem Wohnhaus in der Mitte und Scheunen links und rechts. Viele davon sind im alten Dorfkern noch zu sehen.

Die Wirringer Straße und die Vogtei-Ruthe-Straße zweigen von der Sarstedter Straße (L 410) nach Norden ab und treffen sich am Thie. Nach Norden endet die Wirringer Straße in einem Wirtschaftsweg, der nur Landwirten, Radfahrern und Spaziergängern vorbehalten ist.

Flurnamen
Die Felder rund ums Dorf tragen Namen, die schon in den alten Registern auftauchen. Wer sie kennt, findet sich in der Feldmark zurecht:
Südlich der Sarstedter Straße
Hassel · Mittelfeld · Missenstieg · Haunerwinkel · Am Berge · Südwiesenfeld
Rund ums Dorf
Beekfeld · Dehnenfeld · Bergfeld
Nach Norden
Runewinkel · Pfingstanger · Kölmer · Hang · Köthenwald · Hottelner Abfindung an der Grenze zu Wassel
Alte Wege
Der „Hottelner Weg“ führte durchs Mittelfeld nach Süden. Über den „Missenstiegsweg“ gingen die Wirringer früher zur Messe nach Lühnde.
Was unter den Feldern liegt
Wirringen liegt am Westrand des Salzstocks, der sich von Lehrte über Sehnde bis Sarstedt zieht. Vor etwa 170 Millionen Jahren begann das Salz im Untergrund aufzusteigen. Es wölbte die darüberliegenden Schichten auf, stellte sie teilweise senkrecht und schob ältere Gesteine nach oben. Deshalb kommen bei Wirringen Gesteine an die Oberfläche, die anderswo tief verborgen sind.
- 250 Mio.Jahre alt: rote Tone des Buntsandsteins („Röt“) an der Grenze nach Wehmingen
- 240 Mio.Jahre: Muschelkalk – auf den Äckern finden sich mit Glück Ammoniten
- 210 Mio.Jahre: Mittlerer Keuper im Westen des Dorfes
- 15.000Jahre: Löss, vom Wind der letzten Eiszeit angeweht
Aus den Steinbrüchen in der Flur „Am Berge“ holten die Wirringer ihr Baumaterial. An der Kirche sieht man es noch: Die Südseite besteht aus kleinteiligem Sandstein, die Nordseite aus größeren Kalksteinen. Der letzte Steinbruch, die „Kuhle“, war rund vier Meter tief und wurde 1961/62 mit Erde vom Bau der A7 verfüllt. Heute drehen sich dort Windräder.
Die besten Böden liegen im Mittelfeld. Der Löss dort bringt es auf etwa 70 Bodenpunkte. Ein kleines Rätsel bleibt die Ziegelei: Auf einer Karte von 1880 ist am Mühlenberg Richtung Wehmingen eine „Fabrik“ eingezeichnet, und dort wurde einmal Ton abgebaut. Dokumente über eine Wirringer Ziegelei sind aber bis heute nicht bekannt.
Die Steinbruchquelle
Südlich des Dorfes, am Mittelfeldweg, sprudelt Sommer wie Winter eine Quelle – rund 2.500 Liter in der Stunde. Ihr Ursprung liegt bei etwa 96 Metern über dem Meeresspiegel nahe den alten Steinbrüchen, der Auslauf bei 84 Metern. Wasseranalysen ergaben Trinkwasserqualität ohne Nitrat.
Woher das Wasser kommt, ist nicht ganz geklärt. Die dünne Lehmschicht an der Oberfläche speichert zu wenig Wasser. Wahrscheinlicher ist, dass es aus sandigen Schichten des Buntsandsteins oder des Keupers aufsteigt und entlang einer senkrecht stehenden Tonschicht talwärts geleitet wird. Eine zweite Quelle speist den Löschteich an der Sarstedter Straße.
Früher hieß sie „Beersche Quelle“, nach den Besitzern des Ackers. Unter Ortsbürgermeister Horst Heineke wurde der Auslauf 2006 mit Granitsteinen und einer Treppe neu gefasst und bekam ihren heutigen Namen. Wasseranalyse von 2020 (PDF)

1934: Gefragtes Quellwasser
Wie wertvoll die Quelle war, zeigt eine Anfrage aus dem Nachbardorf: Auch Müllingen hätte das Wasser gern genutzt und bot dafür an, bei Bränden mit Löschwasser auszuhelfen. Der Wirringer Gemeinderat entschied im September 1934, die Quelle für das eigene Dorf zu behalten – als Löschwasser und für das Vieh. Eine Wasserleitung gab es in Wirringen erst ab 1962, bis dahin war jede Quelle kostbar.
Einwohner im Wandel
Zwei Ereignisse haben die Einwohnerzahl besonders geprägt: Nach dem Ersten Weltkrieg sank sie deutlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg verdoppelte sie sich innerhalb weniger Jahre, als Ausgebombte, Flüchtlinge und Vertriebene aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien ins Dorf kamen. Fast jedes Haus musste damals Menschen aufnehmen.
Einwohner von Wirringen 1785 bis 2021
- 1471785
- 1981811
- 2291891
- 2651910
- 2111925
- 2011933
- 2071939
- 4501950
- 4031956
- 3281961
- 3201970
- 3141989
- 3372001
- 3352018
- 3402021
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Dass die Zahl nach 1950 wieder sank, hatte zwei Gründe: Im Dorf gab es kaum Arbeit außerhalb der Landwirtschaft, und die Bauern stellten zunächst kein weiteres Bauland zur Verfügung. Viele Familien zogen in die Städte oder bauten in Nachbardörfern wie Bolzum. Arbeit gab es vor allem in den Kalischächten der Umgebung; das Kaliwerk Hohenfels in Wehmingen bestand von 1896 bis 1970.
Drei neue Siedlungen
- 1952Siedlung an der Vogtei-Ruthe-Straße: sieben zweigeschossige Häuser für Flüchtlingsfamilien, jedes mit Stall und Gemüsegarten zur Selbstversorgung.
- 1968Beekstraße und Molkereiweg auf früheren Wiesen zweier Landwirte. Der Quadratmeter kostete 13 D-Mark.
- 1972Wiesenhofstraße auf dem Südteil der Bartelschen Wiese: neun Einfamilienhäuser und ein Doppelhaus – die bisher letzte große Erweiterung.
Anders als der alte Dorfkern wurden die neuen Siedlungen im Raster angelegt. Wer durchs Dorf geht, kann so an den Häusern ablesen, wann ein Viertel entstanden ist.
Die Feldmark wird neu geordnet
Über die Jahrhunderte wurden die Äcker durch Erbteilungen und Mitgift immer weiter zerstückelt. Wer zu seinem Feld wollte, musste oft über das des Nachbarn fahren – Ärger war vorprogrammiert. Zweimal wurde die Feldmark deshalb grundlegend neu verteilt.
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1650
Ein Flickenteppich
Das „Frenßische Feldregister“ listet die zersplitterten Flächen auf. Gemessen wird in „Vorling“, einem alten norddeutschen Ackermaß von einem halben Morgen.
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1769
Fremde Bauern in der Feldmark
Die „Land- und Wiesenbeschreibung im Amte Ruthe“ nennt auch Bauern aus Nachbardörfern, die Parzellen in der Wirringer Flur besitzen.
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1845
Die Verkoppelung
Für die erste große Flurbereinigung wird eine „Charte von der Feldmark vor Wirringen“ gezeichnet – gedruckt zwei Meter lang. Mit rotem Stift werden neue Parzellen und Wege eingetragen, dazu Flächen für Friedhof und Schule. Bis alles fertig ist, vergehen rund 15 Jahre. Danach zählt die Flur 401 Parzellen auf 251 Hektar.
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1962
Der zweite Anlauf
Im Februar 1962 beantragen die Wirringer eine neue Flurbereinigung. Das Verfahren umfasst 241 Hektar mit 185 Grundstücken und 49 Teilnehmern.
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1969
Wege, Gräben, Drainage
Rund fünf Kilometer Feldwege und drei Kilometer Gräben werden ausgebaut, darunter die Bruchriede. Von 1969 bis 1972 verlegt man 80.000 Meter Drainagerohre, damit die Felder nicht mehr vernässen.
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1980
Abschluss
Am 10. September 1980 ist das Verfahren abgeschlossen. Wege und Gräben gehen an die Gemeinde, um die Pflege kümmert sich der Wasser- und Bodenverband Bruchriede.
Wasser, Strom und Straßen
- 1911Erster Strom: 110 Volt über Freileitungen. 1952 wird auf 220 Volt umgestellt.
- 1954Die Dorfstraße bekommt einen Teerbelag – in Eigenleistung der Anlieger, mit einer eigenen großen Straßenwalze.
- 1960Die A7 wird durch die Müllinger Feldmark gebaut. Eine frühere Planung sah die Trasse sogar zwischen Müllingen und Wirringen vor.
- 1962Die Wasserleitung kommt. Bis dahin holten die Wirringer ihr Wasser aus Brunnen, Gräben und Teichen.
- 1968Bau der Kanalisation, ab 1972 auch im restlichen Dorf, dazu neue Fußwege.
- 1983Eine Druckleitung bringt das Abwasser zur Kläranlage nach Sehnde.
- 1992Gasleitungen werden verlegt.
- 1996Die Strommasten verschwinden, das Dorf bekommt eine neue Straßenbeleuchtung.
- 2021Schnelles Internet über Glasfaser.

Der Windpark am Roten Berg
Südlich der Sarstedter Straße stehen fünf Windräder auf Wirringer Flur. Die ersten drei gingen 1997 und 1998 in Betrieb, 1999 kamen zwei weitere hinzu. Eines davon ist ein Kunstwerk: Zur Weltausstellung EXPO 2000 entwarf der Künstler Patrick Raynaud ein Windrad mit bunten Punkten, die nachts in wechselnden Farben leuchten. Im Volksmund heißt es „Smarties-Turm“ oder „Hasen-Disco“ und ist längst ein Wahrzeichen an der A7.
Gemeinde und Bürgermeister
Bis zur Gebietsreform 1974 war Wirringen eine selbstständige Gemeinde mit eigenem Bürgermeister und Gemeinderat. Manche waren Bürgermeister und Standesbeamter zugleich, andere hatten nur eines der beiden Ämter.
- 1897Christian Isensee
- 1905Karl August Heinrich Hahne
- 1923Heinrich Kuhrs
- 1927Adolf Gropp, zugleich Lehrer
- 1933Heinrich Otto Hahne, nur Standesbeamter
- 1934August Borm sen.; Standesbeamter 1934–1944: Otto Kelch
- 1945Rudolf Rodewald
- 1952August Borm sen.
- 1956Heinrich Koch, Molkereiverwalter
- 1961Walther Bartels, Bürgermeister und Standesbeamter
Seit 1974 haben Wirringen und Müllingen einen gemeinsamen Ortsrat mit sieben Mitgliedern. Ortsbürgermeister waren Karl Buhmann aus Müllingen (1974–1986), Udo Hänies aus Wirringen (1986–2004), Horst Heineke aus Wirringen (2004–2011) und ab 2011 Karl-Heinz Grun aus Müllingen (Stand 2022). Die aktuelle Besetzung steht auf der Seite Ortsrat.
Im Buch weiterlesen: S. 10–11, 23–36 und das Kapitel „Geologie“ ab S. 64 (PDF, 78 MB). Das Geologie-Kapitel entstand mit dem Geologen Dr. Helmar Achilles.



