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Dorfchronik · Kapitel 4 von 7

Arbeit und Alltag

Jahrhundertelang lebte fast jeder in Wirringen von der Landwirtschaft. Mit der Molkerei, der Schmiede, dem Bäcker und den Gastwirten kamen Handwerk und Handel ins Dorf – und viele davon verschwanden wieder, als die Menschen zum Einkaufen in die Stadt fuhren.

Betriebe im Dorf

Die Übersicht zeigt, wann welche Betriebe in Wirringen bestanden. Manche Anfänge lassen sich nur ungefähr bestimmen, weil sie erst in Steuerlisten oder Adressbüchern auftauchen.

Handwerk, Handel und Gasthäuser 1850 bis heute

  1. Bäckereium 1860 – 1962
  2. Gasthof Hennies1860/70 – 2018
  3. Schlosserei Dävesum 1880 – 1958
  4. Molkerei1893 – 1966
  5. Schuhmacherei Hänies1895 – 1970
  6. Schmiede Köhlerum 1900 – heute
  7. Goltermannsche Gastwirtschaft1901 belegt – 1905
  8. Gasthaus Niedersachsenum 1910 – 1979
  9. Tischlerei1925 belegt – heute
  10. Poststellevor 1936 – 1983
  11. Gärtnerei Isensee1945 – 1958
  12. Kaufmann Müller1958 – 1974
  13. Fahrzeugbau Hantigk1966 – heute

Handwerk und HandelGasthäuser

Wer wo arbeitete: Handwerk und Handel im Einzelnen
  • BäckerNr. 34: Wilhelm Schelecke (um 1860/70), Christian Prüße (1901–1909), Karl Sennholz sen. (1925), Karl Sennholz jun. (1950–1962)
  • GärtnereiFamilie Isensee, Nr. 10 (1945–1958). Der Teich der Gärtnerei wurde 1963 zugeschüttet.
  • KaufleuteHeinrich Müller, Schneidermeister (1925), Adolf Müller sen. mit Verkaufsraum im Haus (1958), Adolf Müller jun. mit Laden und großem Schaufenster (bis 1974). Dazu fahrende Händler: August Rathmann aus Wassel (1954), Willi Fein aus Wehmingen (1958), Bäcker Schlewitt aus Sehnde (1965–1979).
  • PostEmma Binnewies und Ella Ahlburg (Hof Nr. 17), Hermine Köhler (ab 1936), Heinrich Hänies (ab 1961), Gerda Menzel (ab 1970); ab 1983 nur noch in Müllingen
  • SchmiedeFritz Köhler (um 1900), Friedrich Köhler (um 1920), Werner Köhler (seit 1964)
  • SchlosserFriedrich Däves, Nr. 15 (1925–1958)
  • FahrzeugbauHerbert Hantigk, seit 1966 im früheren Molkereigebäude
  • SchuhmacherErnst Hänies (1895), Heinrich Hänies (1936–1970), Nr. 15A
  • ZimmerleuteAugust Schleth, Nr. 37 (1925), Wilhelm Bläsig, Nr. 12 (1931 bis um 1955)
  • TischlerHeinrich Schaller, Nr. 6 (1925); seit 1970 Möbeltischlerei Gehlich

Die Molkerei

Am 10. April 1893 schlossen sich 20 Bauern aus Wirringen und Müllingen zur „Wirringer Molkerei e.G.m.b.H.“ zusammen. Die Satzung umfasste 33 Seiten und trägt 39 Unterschriften. Fehlte nur noch ein Grundstück: Fritz Hänies vom Hof Nr. 17 verkaufte eine 4.000 Quadratmeter große Wiese an der Beeke am Grenzgraben zu Müllingen.

Die Bauern lieferten ihre Milch an, die Molkerei machte daraus Butter und Quark und gab die Molke zurück – sie wurde an die Schweine verfüttert. Kaufmann Loßmann aus Wehmingen holte Butter und Quark ab und verkaufte sie in Hannover. Erster Verwalter war Johannes Schneider, ihm folgte Heinrich Koch, im Dorf auch als guter Sänger bekannt.

1966 lohnte sich der Betrieb nicht mehr. Seitdem holten Tankwagen die Milch für die Molkerei in Hildesheim ab. Das Gebäude kaufte die Firma Hantigk, die dort bis heute Landmaschinen, Fahrräder und Gartengeräte repariert und verkauft.

Mühlen: Wind, Diesel und ein Rätsel

Dass es in Wirringen eine Windmühle gab, ist sicher. Schon das Erbregister von 1593 nennt „noch eine Windmühle für Wiring“. Auf einer Karte von 1880 ist auf dem Mühlenberg an der Straße nach Wehmingen eine Mühle eingezeichnet. In der Hausnummernliste tauchen sogar Windmüller auf (Nr. 30 bis 32); ihre Häuser standen 1848 aber schon nicht mehr.

Eine Mühle, zwei Dörfer?

In Machtsum bei Hildesheim steht eine Bockwindmühle mit der Jahreszahl 1638 im Hausbaum. Laut dem dortigen Mühlenverein wurde sie als Mühle „vor Wirringen“ gebaut. Bis 1888 stand sie in Müllingen, dann wurde sie nach Machtsum verkauft. Ein Befehl Herzog Christians von Braunschweig-Lüneburg vom 8. Juli 1643 ordnete an, die „Windmühle vor Wirringen“ an einen günstigeren Ort zu versetzen. Ob damit eine Mühle in Wirringen gemeint war oder die Müllinger Mühle, lässt sich nicht eindeutig klären – die Darstellungen in den Chroniken widersprechen sich. Gut möglich, dass beide Dörfer hier ein Stück gemeinsame Mühlengeschichte haben.

Später mahlten die Wirringer Bauern ihr Korn im Dorf: Auf dem Hof Nr. 16 liefen die „Mühlenwerke Wirringen H. Hahne“. Ein Dieselmotor trieb die Mühlsteine an und erzeugte über einen Generator auch Strom, der in großen Batterien gespeichert wurde. So hatte das Wohnhaus wohl als erstes im Dorf elektrisches Licht, noch vor dem Stromanschluss 1911. Ganz zuverlässig war die Anlage nicht: 1927 setzte Funkenflug die Strohscheune in Brand.

Die Dorfschule (1908–1973)

Lange mussten die Wirringer Kinder nach Wehmingen zur Schule – die beiden Dörfer bildeten einen gemeinsamen Schulverband. Der Weg war beschwerlich, und zeitweise unterrichtete ein Privatlehrer im Dorf. 1838 wollte Wirringen sich lösen, konnte sich eine eigene Schule aber nicht leisten, weil es weiter für die Wehminger mitzahlen sollte. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Verband aufgelöst; Wirringen bekam 7.540 Mark Ausgleich.

Am 1. April 1908 wurde das neue Schulhaus an der Ecke Vogtei-Ruthe-Straße / Wirringer Weg eingeweiht. Mit dem Lied „Lobe den Herrn“ zogen Kinder und Schulvorstand von der alten Unterrichtsstätte zum Neubau, der 18.800 Mark gekostet hatte. Der Platz dafür war schon bei der Verkoppelung 1845/46 freigehalten worden.

Die Wirringer Schule auf einer Postkarte von 1913
Das Schulhaus von 1908 auf einer Postkarte von 1913.

Bis 1961 lernten alle Jahrgänge bis zur achten Klasse gemeinsam in einem Klassenraum. Nur die Erst- und Zweitklässler saßen nebenan im „Glaskasten“. Die Schule hatte einen eigenen Brunnen, 1959/60 kam ein Anbau mit Toiletten für Mädchen und Jungen dazu. Ab und zu brachte eine Filmstelle einen Projektor mit – ein Schüler erinnert sich noch Jahrzehnte später an „Flug in Gefahr“.

Ab 1961 wurden die Jahrgänge mit Wehmingen getauscht, ab 1966 gingen die älteren Kinder zur neuen Mittelpunktschule nach Lühnde. 1973 verkaufte der Ortsrat das Schulhaus für 165.000 D-Mark an private Eigentümer. Leider gingen dabei die Schulunterlagen verloren.

  • 1908Lehrer Flaake, der erste Lehrer an der neuen Schule
  • danachAdolf Gropp, für lange Zeit; 1927 auch Bürgermeister
  • vor 1945Paulus Pagels, der aus dem Zweiten Weltkrieg nicht zurückkehrte
  • KriegszeitDie Lehrerinnen Meyer, Talleur, Weiterer und nach dem Krieg Rempel
  • 1947/48Adolf Ziehe aus Ostpreußen, bis 1959
  • 1959Robert Domes
  • 1961Wilfried Rengelshausen, später Lehrer in Lühnde

Gasthäuser

Schon 1648 wird in Wirringen ein „Krüger“ genannt, also ein Wirt, 1664 dann Heineke Kleimann vom Hof Nr. 22. Seit dem 19. Jahrhundert hatte das kleine Dorf meist zwei Gasthäuser.

Goltermannsche Gastwirtschaft (Nr. 14a)

Das Gasthaus von Heinrich Goltermann war der Treffpunkt des Dorfes. Hier wurde 1902 höchstwahrscheinlich die Feuerwehr gegründet. Schwiegersohn Otto Neure verkaufte das Haus um 1903; 1905 brannte es ab und wurde nicht wieder aufgebaut.

Die Goltermannsche Gastwirtschaft in Wirringen, um 1901
Die Goltermannsche Gastwirtschaft um 1901. Bild: Elke Behmann

Vom Pfarrhaus zum „Gasthaus Niedersachsen“ (Nr. 8)

Um 1908/10 kaufte Otto Neure das alte Pfarrhaus von 1815 und machte daraus eine Gaststätte. Unter der Familie Binnewies hieß sie nach dem Krieg „Gasthaus Niedersachsen“, ab 1962 führten Edith und Arnold Bielert das Haus. Sie bauten einen Saal an, in dessen Garten bei Jubiläumsfesten die Scheibe ausgeschossen wurde – einen Schützenverein gab es nicht, jeder brachte sein Luftgewehr mit. Die Jugend traf sich am Flipper. 1979 schloss das Gasthaus, im November 2021 wurde das über 200 Jahre alte Haus abgerissen.

Gasthof Hennies (Nr. 3)

Seit spätestens 1860/70 wurde auf dem Hof Nr. 3 ausgeschenkt, über vier Generationen der Familie Hennies. Im Saal über den Ställen probten Schulklassen Theaterstücke, im Nebenraum stand ein Münzfernseher, und der Männergesangverein probte jeden Freitag – mit anschließender Doppelkopfrunde. Dazu kamen Kegelbahn, Vereinsversammlungen und Familienfeiern. Ab 2001 lief der Betrieb mit Pächtern weiter, 2018 endete die Gastronomie. Das Hotel für Messegäste und Monteure blieb.

Erinnerungen an den Gasthof Hennies →

Was kostete das Leben 1956?

Als 1956 die Turmkugel der Kirche geöffnet wurde, legte Pastor Werner Hoffheinz einen handschriftlichen Bericht für die Nachwelt hinein – mit den Preisen und Löhnen dieses Jahres. Ein Arbeiter verdiente 1,70 D-Mark in der Stunde, ein Maurer 1,97 D-Mark.

So lange musste man 1956 dafür arbeiten

  • 1 Pfund Butter3,40 DMArbeitszeit: 2 Std.
  • 1 Pfund Fleisch2,40 DMArbeitszeit: 1 Std. 25 Min.
  • 1 Pfund Zucker0,60 DMArbeitszeit: 21 Minuten
  • 1 Liter Milch0,41 DMArbeitszeit: 14 Minuten
  • 1 Ei0,20 DMArbeitszeit: 7 Minuten
  • 1 Zentner Kartoffeln7 bis 8 DMArbeitszeit: 4 Std. 25 Min.

Die Balken zeigen die Arbeitszeit, voll entspricht zwei Stunden. Für einen Zentner (50 Kilo) Getreide bekamen die Bauern: Roggen 19,25 DM, Weizen 20,15 DM, Gerste 19,00 DM, Hafer 18,00 DM.

Der Pastor hielt auch fest, wie es den Menschen ging: Viele lebten nach dem verlorenen Krieg schon wieder gut und seien anspruchsvoll geworden. Und: „Die 40-Stunden-Woche wird gefordert.“ Mehr über den Bericht steht im Kapitel Kirche St. Michael.

Im Buch weiterlesen: Molkerei, Mühlen, Schule und Gasthäuser, S. 148–177 (PDF, 78 MB). Handel und Gewerbe: S. 25–26, Preise 1956: S. 200.