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Dorfchronik · Kapitel 6 von 7

Feuerwehr und Vereine

In einem kleinen Dorf tragen wenige Vereine das ganze Gemeinschaftsleben. In Wirringen waren das über ein Jahrhundert vor allem die Feuerwehr und der Männergesangverein – mit Zeltfesten, Fußballspielen und Scheibenschießen.

Die Freiwillige Feuerwehr Wirringen

Am 7. Februar 1902 kamen die Männer des Dorfes zusammen, „zum Zwecke der Bildung einer Freiwilligen Feuerwehr“. Zum Hauptmann wählten sie per Zuruf den Halbmeier Heinrich Hahne. Bei der Korpsversammlung am 20. Februar gab jeder dem Hauptmann die Hand und verpflichtete sich zum Dienst. Der Beitrag: zehn Pfennig im Monat. Ausrüstung und Uniform bezahlte die Gemeinde. Getroffen hat man sich wohl in der Goltermannschen Gastwirtschaft.

Ganz von vorn fing man nicht an: Eine Pflichtfeuerwehr mit Spritze und Spritzenhaus gab es schon. Gleich im ersten Jahr musste die neue Wehr zweimal ausrücken, als Brandstifter auf zwei Höfen Feuer legten. Die Gemeinde übernahm danach die Rechnung über 41 Mark „für Getränke“ an die Feuerwehrleute und stellte eine Wache auf.

  • 10 Pf.Monatsbeitrag pro Mann im Jahr 1902
  • 900 Markkostete die Handdruckspritze von 1902
  • 32Mitglieder hatte die Wehr im Jahr 1933
  • 257Mitglieder zählt die Feuerwehr Müllingen-Wirringen 2022 – jeder dritte Einwohner

Ein holpriger Anfang

Schon 1903 löste sich die Wehr wieder auf, im Februar 1904 wurde sie neu gegründet. Fürs Fehlen bei Übungen, Alarmen oder für das „unerlaubte Fortgehen von der Spritze beim Schadenfeuer“ gab es nun Strafen von 50 Pfennig bis zu einer Mark. Bei Inspektionen 1908 und 1910 verlangte der Branddirektor mehr Freiwillige, sonst müsse wieder eine Pflichtfeuerwehr her. Daraufhin traten neun Männer bei. Alle drei Jahre entschied die Wehr neu, ob sie freiwillig weitermacht.

1911 bekam die Spritze ein neues Spritzenhaus. Unter den Nationalsozialisten wurden ab 1934 neue Gruß- und Exerzierformen eingeführt, die Führung wurde nicht mehr gewählt, sondern ernannt. 1935 gründete Wirringen mit Wehmingen und Bolzum einen Löschverband mit einer Motorspritze in Bolzum. Im Krieg wurde die Führung eingezogen, 1940 halfen auch junge Frauen. 1946 beschloss die Wehr, weiter als Freiwillige Feuerwehr zu bestehen.

Von der Pferdespritze zum Löschfahrzeug

  1. 1902

    Die Handdruckspritze

    Die Spritze kostete 900 Mark und musste von Pferden gezogen werden. Die Bauern spannten reihum an – ab 1905 hing dafür eine Tafel im Spritzenhaus mit den Namen derer, die beim nächsten Brand dran waren. Gepumpt wurde von Hand.

    Die Handdruckspritze der Feuerwehr von 1902, fotografiert 1952
    Die Handdruckspritze von 1902 auf einem Foto von 1952.
  2. 1935

    Motorspritze im Verband

    Im Feuerlöschverband mit Wehmingen und Bolzum gibt es eine Tragkraftspritze TS 8, stationiert in Bolzum. Die eigene Handdruckspritze bleibt im Einsatz.

  3. 1949

    Das erste Löschfahrzeug

    Die Wehr bekommt ein LF 25 aus alten Wehrmachtsbeständen, das zuvor am Flughafen Langenhagen stand. Es wird in einer Bauernscheune geparkt und erst einmal von Brandmeister Otto Kelch, Maschinist Günther Czysz und Landwirt Franz-Josef Isensee flottgemacht. Die Fahrer Isensee und Borm machen extra den Lkw-Führerschein.

  4. 1956

    Der Feuerlöschteich

    Auf der Bartelschen Wiese wird ein Löschteich angelegt. Schon 1957, beim Blitzeinschlag in ein Wohnhaus, heißt es im Protokoll: Die Löschwasserversorgung war dank des neuen Teichs sehr gut.

  5. 1964

    Sirene und VW-Bus

    Beim Großbrand auf Hof Nr. 17 ist das alte LF 25 nicht einsatzfähig. Die tragbare Spritze wird eilig auf einen Eggenrahmen gestellt und mit dem Traktor gezogen. Danach geht es schnell: Statt Hornisten alarmiert eine Sirene, und am 31. Oktober 1964 übergibt der Kreisbrandmeister ein Tragkraftspritzenfahrzeug auf VW-Bus-Basis.

  6. 1990

    Mercedes-TSF

    Das Fahrzeug von 1964 genügt den Anforderungen nicht mehr und wird durch ein neues Tragkraftspritzenfahrzeug ersetzt.

  7. 2017

    LF 10 für Müllingen-Wirringen

    Die gemeinsame Ortsfeuerwehr bekommt ein Löschgruppenfahrzeug mit 1.600 Litern Wasser und hydraulischem Rettungsgerät, gebaut nach den Wünschen der Wehr. Es ersetzt ein LF 8, das 30 Jahre im Einsatz war. Im September kommt ein Mannschaftswagen für neun Personen dazu.

Wehrführer und Ortsbrandmeister

  • 1902Heinrich Hahne, Stellvertreter Heinrich Kothe
  • 1904Ernst Hartmann, Stellvertreter Carl Schiefer, ab 1921 Josef Dierker
  • 1932Josef Dierker, Stellvertreter Otto Kelch
  • 1934Otto Kelch, über drei Jahrzehnte bis 1965
  • 1965Heinrich Hille, Stellvertreter Heinrich Hänies
  • 1975Adolf Müller, Stellvertreter Werner Köhler
  • 1989Peter Müller, Stellvertreter Werner Köhler, ab 1996 Eckhart Spörr
  • 2001Frank Donatz, Stellvertreter Eckhart Spörr, ab 2008 Daniel Matysiok
  • 2013Hendrik Polenkowski
  • 2015Feuerwehr Müllingen-Wirringen: Thomas Grun, ab 2021 Matthias Grun (Stand 2022)

Brände im Dorf

Das Protokollbuch verzeichnet die Einsätze im Dorf. Viele Brände entstanden durch Blitzschlag, Funkenflug oder Schornsteine – und fast immer konnte die Wehr Schlimmeres verhindern.

Alle Brände von 1902 bis 1964 anzeigen
  • 1902Brandstiftungen auf den Höfen Nr. 17 und Nr. 16
  • 1905Großbrand: Das Wohnhaus Nr. 14b und das Nachbarhaus mit der früheren Goltermannschen Gastwirtschaft brennen ab
  • 1907Wohnhaus auf Hof Nr. 2; auch die Wehren der Nachbardörfer helfen
  • 1927Scheune mit angebauter Mühle auf Hof Nr. 16 – Funkenflug aus der Getreidemühle
  • 1933Brand auf Hof Nr. 1
  • 1934Gasthof Hennies (Nr. 3): Beim Ausprobieren eines neuen Schornsteins fängt Stroh Feuer, Stall und Dachstuhl brennen. Die Hottelner Motorspritze hilft.
  • 1940Ein Balken fängt am Ofenrohr Feuer (Nr. 5a) – eine Bewohnerin hört das Knistern, das Feuer wird sofort erstickt
  • 1948Blitzschlag in das Haus Nr. 26
  • 1957Blitzschlag um 0.10 Uhr in das Haus Nr. 27a; der neue Löschteich bewährt sich
  • 1964Großbrand von Strohscheune und Stall auf Hof Nr. 17; das Wohnhaus wird gerettet

Zusammen mit Müllingen

Das Spritzenhaus von 1911 wurde 1979 von den Kameraden in Eigenarbeit renoviert, 1984 bauten sie die alte Leichenhalle daneben zum Unterrichtsraum um. Ein Neubau nur für Wirringen kam nicht zustande. Schon 1987 schlug die Gemeinde vor, die Wehren von Wirringen und Müllingen zusammenzulegen. Bis es so weit war, vergingen noch fast drei Jahrzehnte.

2008 fiel die Entscheidung für ein gemeinsames Feuerwehrhaus an der Ostlandstraße, auf der Wiese neben der früheren Molkerei, direkt an der Grenze zwischen beiden Dörfern. Am 16. März 2013 wurde es eingeweiht, zum 1. Januar 2015 schlossen sich beide Wehren zur Freiwilligen Feuerwehr Müllingen-Wirringen zusammen. Heute gehören auch eine Jugendfeuerwehr und eine Kinderfeuerwehr dazu, gegründet am 1. Mai 2011 beim Maibaumfest. 2019 übertrug der NDR das Osterfeuer live in „Hallo Niedersachsen“.

Zur Feuerwehr Müllingen-Wirringen heute →

Der Männergesangverein von 1912

Wirringen hatte damals knapp 200 Einwohner, alles drehte sich um Landwirtschaft, Handwerk und den Kalibergbau. Um Abwechslung ins Dorfleben zu bringen, gründeten 29 sangesfreudige Männer am 10. Januar 1912 den „Männergesangverein Wirringen von 1912“. Erster Vorsitzender wurde Josef Dierker, Chorleiter der Lehrer Heinrich Flohr.

Gruppenbild des Männergesangvereins Wirringen, 1924
Der Männergesangverein im Jahr 1924. Foto: Fotostudio O. Neumann

Die erste Kasse

Im Gründungsjahr nahm der Verein 161,85 Mark ein – auch durch Strafgelder: fürs Zuspätkommen, unentschuldigtes Fehlen und dafür, eingeübte Lieder auf der Straße zu singen. Für 24,70 Mark kaufte man 18 Liederbücher, die „grönen Beuker“. Sie sind bis heute vollständig erhalten.

Milliarden in der Kasse

Im Inflationsjahr 1923 standen in den Büchern Einnahmen von 24.330.471.818,37 Mark und Ausgaben von 24.240.275.400 Mark. Der Bestand von gut 90 Millionen Mark war so gut wie nichts wert.

Zweimal kam das Vereinsleben zum Erliegen: im Ersten Weltkrieg und von 1940 bis 1947. Danach verstärkten Flüchtlinge und Vertriebene den Chor. 1922 weihte der Verein mit einem großen Zeltfest seine Fahne, 1992 eine neue. Zum 50. Jubiläum 1962 kamen neun Chöre, zum 75. im Jahr 1987 zählte der Verein 85 Mitglieder. „Wir sind hier Hans Dampf in allen Gassen!“, sagte der damalige Vorsitzende Arnold Harstick. Von 1964 bis 2011 leitete der Lehrer Jürgen Stillahn den Chor.

Das 100-jährige Bestehen feierte der Verein am 2. Juni 2012 mit einem Hof- und Scheunenfest. Danach wurde es stiller, die Zahl der Sänger ging stark zurück. Zum 110. Geburtstag 2022 war der Chor nicht mehr auftrittsfähig, inzwischen besteht der Verein nicht mehr.

Vorsitzende und Chorleiter von 1912 bis 2022
  • 1912–1920Josef Dierker
  • 1921–1924Heinrich Hahne
  • 1925–1929August Rühmkorf
  • 1930Otto Kelch
  • 1931–1950Adolf Müller sen.
  • 1951–1970Heinrich Hänies
  • 1971–1976Heinrich Hille
  • 1977–1994Arnold Harstick
  • 1995–2000Hans-Jürgen Pauluhn
  • ab 2000Günter Czysz

Chorleiter: Heinrich Flohr (1912–1923), Willi Ilmer (1924–1953 und 1962–1964), Erich Walter (1953–1961), Jürgen Stillahn (1964–2011), Wilhelm Beiker (2012–2020).

Zeltfeste, Scheiben und Bürgerkönige

Von 1951 bis 2002 richteten Feuerwehr und Gesangverein etwa alle fünf Jahre gemeinsam ein großes Zeltfest aus. Dazu wurde jedes Mal eine Jubiläumsscheibe ausgeschossen. Wer gewann, bekam die silberne Kette von 1951 umgehängt und blieb Bürgerkönig bis zum nächsten Fest. Unter den Bürgerkönigen waren Hille (1951), Werner Tschersig (1957), Günter Müller (1958), Heinrich Hennies (1959), Klaus Hoppe (1961), Udo Hänies (1962) und Heinrich Hille (1969).

  • 1950erFestumzüge mit Ehrendamen, Junggesellen und Kindergruppen, Fastnachtstreiben und „Scheibenaufhängen“
  • 1979–1994Fußballspiel an Himmelfahrt: Feuerwehr gegen Gesangverein – mit fast volksfestartigen Ausmaßen
  • 2002Dreifach-Fest auf der Bartelschen Wiese: 100 Jahre Feuerwehr, 90 Jahre Gesangverein und das Schützenfest Müllingen
  • seit 2012Angrillen im Januar, seit 2014 das Teichfest am Feuerlöschteich – ausgerichtet von den Wirringer-Oldtimer-Freunden

Wirringer-Oldtimer-Freunde 6.6.11

Am 5. Juni 2011 fuhren sieben Oldtimer-Liebhaber spontan mit Deutz, Massey Ferguson und Unimog zum Regionalmuseum nach Rethmar. Auf dem Heimweg reifte eine Idee, und schon am nächsten Tag, dem 6. Juni 2011, gründeten acht Oldtimer-Fans im Gasthof Erfurth in Müllingen eine Stammtischgruppe – daher der Name. Ein Verein mit Vorstand ist sie bis heute nicht. Ihr Ziel: den Zusammenhalt der Dörfer stärken und historische Technik zeigen. Mit dem Angrillen und dem Teichfest mit Lanz-Bulldog, Hanomag und Kaltblütern hat das Dorf wieder ein richtiges Sommerfest.

Zu den Oldtimer-Freunden →

Jagdgenossenschaft

Alle Eigentümer von Flächen in der Feldmark bilden zusammen die Jagdgenossenschaft. Bejagbar sind rund 232 Hektar, Straßen, Wege und eingezäunte Gärten ausgenommen. Die Genossenschaft verpachtet die Jagd jeweils für zwölf Jahre. Jagdpächter waren Franz Isensee (bis 1971), August Borm (1971–1989), Borm und Horst Heineke gemeinsam (1989–1997) und ab 1997 Horst Heineke (Stand 2022). Als Feld- und Flurwart kontrollierte Walter Köhler von 1997 bis 2018 mit dem Fahrrad die Feldmark und meldete wilden Müll; dafür bekam er die Wappennadel der Stadt Sehnde. 2018 übernahm Jörg Gerber diese Aufgabe.

Im Buch weiterlesen: Feuerwehr, Gesangverein, Oldtimer-Freunde und Jagd, S. 250–319 (PDF, 78 MB). Die Feuerwehrgeschichte beruht auf dem Buch „Dem Feuer Wehren“ von Manfred Kotter, das Oldtimer-Kapitel schrieb Hartmut Gatzke.